Mit dem Ziel, Barrieren im Alltag von Menschen mit Behinderungen und gleichzeitig das vielseitige Berufsfeld der Heilerziehungspflege kennenzulernen, haben 15 Neuntklässler der Gemeinschaftsschule Seehausen am Mittwoch in der heilpädagogischen Einrichtung der Diakonie einen Projekttag zu Inklusion und Teilhabe erlebt. Die Interessengruppe „Barrierefreies Seehausen“ um Birgit Hartmann und das Örtliche Teilhabemanagement (ÖTHM) im Landkreis Stendal haben diesen zum zweiten Mal in der Hansestadt organisiert.
In einer abschließenden Reflexionsrunde schilderten die Jugendlichen ihre Eindrücke aus dem Projekt. „Mit dem Rollstuhl zu fahren hat zunächst Spaß gemacht. Aber wenn ich mir vorstelle, dauerhaft darauf angewiesen zu sein, merke ich erst, wie viele Hindernisse es gibt“, sagte ein Schüler. Eine Mitschülerin ergänzte: „Mit einer Sehbehinderung ist man in vielen Situationen auf Unterstützung angewiesen. Das war mir vorher nicht bewusst. Wenn ich künftig Menschen mit Behinderung begegne, werde ich aufmerksamer sein und meine Hilfe anbieten.“
Aber von vorn: Zum Einstieg vermittelte das ÖTHM mit einem Quiz spielerisch Wissen über Seh-, Hör- und Mobilitätsbeeinträchtigungen. Anschließend stellte Hartmann die Heilpädagogische Einrichtung vor, in der Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen leben und begleitet werden. Anschließend brachte Reiko Lühe, stellvertretender Vorsitzender des Altmärkischen Gehörlosenvereins, den Schülerinnen und Schülern die Gehörlosenkultur näher. Mit viel Geduld führte er in das Fingeralphabet und erste Gebärden ein. Dabei wurde schnell deutlich, dass das Buchstabieren des eigenen Namens ohne Übung durchaus anspruchsvoll ist.

Neben dem Fingeralphabet lernten die Jugendlichen auch grundlegende Gebärden, beispielsweise für Familienmitglieder oder Ortsnamen.
Im nächsten Programmpunkt vermittelte Annemarie Kock von der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) Wissenswertes rund um das Thema Blindheit. Sie stellte verschiedene Hilfsmittel wie den Langstock vor und erklärte die Brailleschrift anhand einer Braillezeile. Als besonderes Andenken erhielten alle den eigenen Namen in Brailleschrift.
Das erworbene Wissen konnten die Jugendlichen anschließend in einem praktischen Parcours vor der Heilpädagogischen Einrichtung anwenden. Mit Simulationsbrillen oder Schlafmasken sowie Langstock ausgestattet, bewältigten sie einen Hindernisparcours. Auch Rollstühle kamen zum Einsatz. Gino Thiede von der Interessengruppe „Barrierefreies Seehausen“, der selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist, gab dabei praktische Tipps und begleitete die Übungen.
Die Bewohner der Heilpädagogischen Einrichtung verfolgten das Geschehen zunächst aufmerksam, beteiligten sich später jedoch selbst am Parcours. Schnell entwickelte sich ein lebhafter Austausch zwischen ihnen und den Schülerinnen und Schülern, bei dem viele Fragen gestellt wurden.
Anschließend führte eine Erkundungstour durch Seehausen. Dabei überprüften die Jugendlichen die Stadt auf ihre Barrierefreiheit. Besonders Bordsteine, die nicht ausreichend abgesenkt waren, erschwerten die Fortbewegung mit dem Rollstuhl. Die Teilnehmenden mit Schlafmasken erfuhren zudem, wie wichtig Vertrauen und Orientierungshilfen im Alltag blinder Menschen sind. Positiv hervorgehoben wurde die weitgehend barrierefreie Gestaltung der Tourist-Information und Stadtbibliothek Seehausen.
Der Projekttag zeigte unterm Strich, wie wichtig praktische Erfahrungen und persönliche Begegnungen sind, um Verständnis für die Lebensrealität von Menschen mit Behinderungen zu entwickeln. Gleichzeitig erhielten die Jugendlichen einen Einblick in die Aufgaben der Heilerziehungspflege und die Bedeutung inklusiver Teilhabe im Alltag.
